Helferkreis Asyl Engen
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Mein Weg nach Engen (1)

Die Flüchtlingsheime in Engen sind voll, neue Gebäude werden gerade zwischen Engen und Welschingen fertiggestellt. Die Meinungen über Flüchtlinge in Engen sind sehr unterschiedlich. Um zu erfahren, welche Menschen hier in Engen untergebracht sind, stellen wir in loser Folge einige politische Hintergründe der Herkunftsländer und Flüchtlinge vor. Heute: Abbas Hussein aus Somalia.

Bereits 1989, also lange vor der Geburt von Abbas, begannen die Unruhen in Somalia.  Clans, Kriegsherren und deren Milizen schüren einen Bürgerkrieg, der bis heute anhält. Die Familie von Abbas verlor ihren Familiensitz, kaufte ihn zurück, verlor ihn wieder. Das wiederholte sich so lange, bis die Familie verarmt war und in die Slums musste. Abbas, der zuvor in eine Privatschule ging, wurde bei Bekanntwerden der finanziellen Situation, von der Schule wieder nach Hause geschickt. "Wenn deine Eltern das Schulgeld bezahlen können, dann kannst du wieder kommen." Was in dem damals 14jährigen Jungen vor sich ging, lässt sich nur erahnen. Zuhause wurde alles Lebensnotwendige zur Rarität. Abbas nutzte seine Chance, als er sah, dass ein äthiopischer Milchtransporteur Hilfe brauchte. Die beiden freundeten sich an. Der Junge unterstütze und erhielt dafür die Möglichkeit zur Flucht nach Äthiopien. Seine Eltern waren dagegen, sie hatten Angst um ihren Sohn. Doch der pubertierende sah für sich keine andere Möglichkeit dem Hunger und der Ohnmacht zu entfliehen. Vom Milchtransporteur unterstützt gelang die Flucht aus seiner Heimatstadt Balad nach Addis Abeba, Äthiopien. Dort lernte er andere Somali kennen, die ihm den Weg nach Europa zeigten. Sie sagten ihm auch, dass das nur geht, wenn er über genügend Geld verfüge.
Da er kein Geld hatte, jedoch den festen Willen diesen Weg zu gehen, nutzte er eine Notlüge. Als der Tross im Sudan angekommen war, floh er beim letzten Zwischenstopp im freien Gelände über eine Toilette. Der Tross fuhr weiter, doch er wurde von Arabern entdeckt und bedroht. Frühzeitig konnte er sich den Gewalttätern entziehen und rannte über eine Stunde um sein Leben. Seine Angst führte dazu, dass er nur noch nachts bis Khartoun (Hauptstadt des Sudan) weiterging. Dort angekommen lernte er einen 'schwarzen' Araber kennen, der ihn bei sich aufnahm. Abbas wohnte bei ihm, erhielt Arbeit und Unterkunft. Nach fünf Monaten konnte er zum ersten Mal seinen Eltern Nachricht geben. Er rief bei einem Bekannten an, denn die Eltern konnten sich selbst kein Telefon mehr leisten und schickte anschließend seinem Vater Geld für den Kauf eines Gartens. Der Vater wollte es zuerst nicht, nahm es dennoch an, da die Früchte des Gartens das Überleben der Familie erleichterten.
In Khartoun lernte Abbas Menschen kennen, die über die gefährliche Route durch die Sahara gingen. Während der drei Jahre, die er in dieser Region lebte, eignete er sich sowohl Kenntnisse der arabischen Sprache als auch Kenntnisse der Flucht an. Wenn er 1.500 Dollar hätte, wäre es eine sichere Flucht, alles darunter eine lebensgefährliche. Abbas hatte 500 Dollar gespart und sein Vater sendete ihm weitere 300 Dollar, für die er einen Kredit aufgenommen hat. Der Schleuser, mit dem Abbas in Kontakt war, meinte jedoch 'ich kann dir erst helfen, wenn du genug Geld hast.'
Also ging der Junge zu einem anderen Schleuser. Dieser meinte, 'wenn du arabisch verstehst, dann kannst du übersetzen und erhältst die Reise günstiger.'
Daraufhin wurde der Junge mit einem Mann aus dem Tschad bekannt gemacht. Mit zwei Frauen und 19 Männern ging seine Reise weiter. Abbas wurde Übersetzer und Info-Geber. In der Sahara wurden die Menschen zur Geschwindigkeit angetrieben. Pro Person und Tag stand 1 Liter Wasser zur Verfügung. Es gab dort viele Patrouillen, was dazu führte, dass die Wasserrationen oft nicht reichten. Der Junge sah Menschen, die vor lauter Verzweiflung Benzin tranken, weil sie kein Wasser hatten. Drei Tage und Nächte dauerte die schier endlos scheinende Reise durch die Wüste. Als die Truppe in einem Vorort von Sabah in Lybien ankam, waren sie nur noch 16 Personen.
Die Flüchtlinge wurden in einem kleinen Raum zusammen gepfercht. Menschen aus verschiedenen Nationen saßen dicht an dicht aneinander. Schlafen schien unmöglich. Wächter mit Maschinengewehren sorgten für genügend Angst, damit niemand laut wurde. Nur wer Geld hatte durfte raus. Abbas blieb 2 Monate in Sabah. Glückliche Zufälle sorgten dafür, dass Abbas dennoch mit seinem Vater Kontakt aufnehmen konnte. Der Vater hatte in der Zwischenzeit eine Arbeit gefunden, er wollte seinem Sohn Geld schicken. Doch dann kam plötzlich die Nachricht, dass die Mutter von Abbas erkrankt war und das Geld für den Arzt und die Medizin verwendet werden musste.
Wieder hatte der Junge 'Glück' und fand eine Arbeit als Übersetzer. Die Situation spitzte sich zu als er seinen Lohn einforderte um nach Italien weiterreisen zu können. Die Vorsteher prügelten ihn und drohten ihm an ihn umzubringen, wenn er nicht weiter seine Aufgaben machen würde. Narben an Hals und Kinn erinnern ihn täglich an diese Zeit. Es dauerte weitere zwei Monate und 10 Tage, bis er endlich mit einem Trupp von 11 Personen in Richtung Sidi as Sid fliehen konnte. Aus Angst vor seinen Verfolgern bat er den Fahrer vor der Stadt zu halten. Zu Fuß ging der Junge weiter bis er erschöpft an ein Haus kam, in dem ihm Obdach gewährt wurde. Der Hausbesitzer gab ihm neben dem Obdach auch Lohn und Brot. Drei Monate blieb Abbas bei dem netten Herrn und erholte sich von den vergangenen Strapazen. Doch dann drängte es den Jungen weiter. Er hatte ein Ziel, Europa. Er ging nachts und schlief tags. Auf seinem Weg lernte er Somalis kennen, die ihm weitere Informationen zur Flucht über das Mittelmeer gaben. Unterwegs arbeitete er sieben Monate als Plantagenarbeiter und sparte sich in dieser Zeit 1.100 Dollar für den Transfer von Lybien nach Italien. Doch das Geld reichte noch nicht. Also stellte sich der Junge neben einen Markt und bot seine Arbeitskraft an. Er wurde für einen Monat als Hauswächter eingestellt und erhielt 100 Dollar. In dieser Zeit hatte er kein Dach über dem Kopf, schlief unter dem Vordach eines Hauses. Nach einem Monat gab er die Stelle auf und fand sich einen Arbeitsplatz, bei dem er nach weiteren zwei Monaten das Restgeld für den Transfer zusammengespart hatte.
Der Schleuser erhielt das Geld, Abbas erfuhr, 'übermorgen geht es los'.  85 Personen saßen dicht gedrängt in dem Schlauchboot. Einer der Passagiere konnte fahren. Sie verließen das Ufer. Auf dem Mittelmeer, das Abbas als 'lybisches Meer' kennt, war es sehr gefährlich. Die Überfahrt hätte 24 Stunden gedauert, doch das Boot wurde von der lybischen Polizei gestoppt. Die Polizisten erklärten den Flüchtlingen 'entweder ihr folgt uns oder wir schneiden ein Loch in euer Boot.' Sie folgten und wurden in Lybien inhaftiert.  Abbas war mit seinen Nerven am Ende. Es dauerte lange, bis das Zittern und Weinen aufhörte. Er saß ca. 1 Monat im Gefängnis bis einer der Menschenhändler ihn frei kaufte und mit sich nahm. Der Junge ging mit, hielt es jedoch nicht lange aus und floh nach 10 Tagen.

Seine Erfahrung hatte ihn das Überleben gelehrt. Gemeinsam mit vier Männern arbeitete er im Untergrund, unterstütze seine  Landsleute mit Kontaktvermittlungen und Infoweitergaben. So sparten sich die fünf das Geld für ihre eigene Überfahrt zusammen. Gemeinsam mit 30 anderen Menschen fuhren sie los. Dieses Mal klappte es. Der Unterstützer aus Lybien hatte Abbas ein See-taugliches Handy gegeben. Als sie auf dem Mittelmeer waren, erfuhr er wohin sie fahren mussten und wie sie am besten vorgehen sollten. Sie kamen in einer Kleinstadt in Italien an, hier erhielten sie Kleidung und 1,- € pro Tag.
Abbas hatte in der Zwischenzeit sein Ziel in Europa konkretisiert. Er wollte nach Deutschland und hatte wieder Kontakt mit seinem Vater aufgenommen. Der Junge bettelte seine Eltern an, dass sie ihm nochmals Geld geben mögen, damit er endlich seine Flucht beenden kann. Sie nahmen wieder Kredite auf und sendeten ihm 500,- €, die er für Reiseunterlagen benötigte. Zwei Tage dauerte seine Reise von Italien nach Frankfurt. Von hier aus gelangte er über Karlsruhe und diverse Zwischenstopps nach Engen.

Abbas hat Angst vor seiner  unsicheren Zukunft, er möchte gerne gut Deutsch lernen und arbeiten. In der Zwischenzeit ist der junge Somalier 20 Jahre alt. Er träumt von einem sicheren, geregelten Leben, frei von Flucht und Angst, mit der Möglichkeit, dass er von seinem selbstverdienten Geld die Eltern in Somalia unterstützen kann.

 

Karin Pietzek
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